Soviel du brauchst (2. Mose 16,18

 So lautete das Motto des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentages, der in diesem Jahr vom 1.-5. Mai in Hamburg stattfand. Schon vor nahezu 2 Jahren, seit dem letzten Kirchentag in Dresden, hatte ich die Einladungskarte mit dem markanten Titel an meine Pinwand geheftet, war seitdem unzählige Male daran vorbeigekommen und hatte oft einen Blick auf die Worte geworfen, deren Bedeutung sich mir dann doch nicht erschließen wollte. Drei Worte, eine irgendwie unvollständige Aussage, nahezu sinnlos ohne den Kontext im 2. Buch Mose. So gingen die Monate dahin, während sich die Vorfreude auf Hamburg, diese mir noch fremde Stadt, und den Kirchentag langsam steigerte. Im November 2012 dann endlich die Anmeldung per Internet, verbunden mit dem Wunsch nach einem Privatquartier, denn schließlich besteht der Kirchentag für einen Dauergast wie mich ja auch aus Nächten. Ist man erst mal älter als 35 Jahre, kann man beantragen, für eine sehr geringe Quartier-Pauschale eine Privatunterkunft zugewiesen zu bekommen, was i.d.R. auch zur Zufriedenheit aller Beteiligten funtioniert. Auf diese Weise sind in diesem Jahr ca. 12.000 Dauer-Teilnehmer bei den sehr gastfreundlichen Hamburgern in der Stadt und im Umland aufgenommen worden. Die Eintrittskarte für den Kirchentag ist gleichzeitig auch eine Freikarte für das gesamte öffentliche Verkehrsnetz, so dass man, egal wo man unterkommt, jederzeit alle Veranstaltungen, die über das gesamte weitläufige Stadtgebiet (einschließlich Messe- und Kongresszentrum) verteilt sind, gut erreichen kann. Teilnehmern unter 35 Jahren wird übrigens eine Unterkunft in einer Schule oder Sporthalle zugewiesen. Auch das hat seine Reize, wie ich selber in Dresden erfahren konnte, weil ich mich damals nicht rechtzeitig angemeldet hatte und dann alle Privat-Quartiere vergeben waren.

Anfang März kamen per Post die Unterlagen, also Eintrittskarte, Stadtplan, in dem alle Veranstaltungsorte vermerkt sind, ein umfangreiches Liedheft und ein noch viel dickerer Katalog mit über 2.500 Veranstaltungen - übersichtlich thematisch und zeitlich aufgelistet. Mitte April folgte noch die Adresse meines Gastgebers.

Und dann fand ich mich plötzlich mitten in Hamburg auf dem Fischmarkt beim Eröffnungs-Gottesdienst wieder, tausende Leute um mich herum. Nun endlich, in Lesung und Ansprache, füllten sich die drei Worte mit dem ihnen zugedachten Sinn: Nimm soviel du brauchst. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Denn das ist es, was Gott uns zugedacht hat, ebenso wie den Israeliten, als sie aus Ägypten durch die Wüste flohen und sich hungernd von ihm abwandten. Ja, so machten die Worte Sinn. Häufe keine Vorräte an, sorge für Dich so wie Du es brauchst, es ist genug für alle da, immer wieder.

Während der nächsten vier Tage gab es genug Gelegenheiten, diese Worte auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Alles, was wirklich gebraucht wurde, war vorhanden. Essen und Trinken sowieso, und für jeden Geschmack das Richtige. Helfer in allen Lebenslagen und für alle Fragen an allen Orten; sehr oft gleich mehrere der über 2.000 Pfadfinder, die, hervorragend organisiert, an allen Veranstaltungsorten bereit standen. Aber auch Sanitäter oder Ordnungs-Personal des öffentlichen Nahverkehrs (es gab kein Chaos als zig-tausende Menschen nach dem Abend der Begegnung mit anschließendem Abendsegen in die U- und S-Bahnen strömten) fanden sich stets dort, wo sie gebraucht wurden.

Ein Blick in den sehr umfangreichen Veranstaltungskatalog zeigt sofort, dass es hier mehr gibt als irgendjemand brauchen oder erleben kann: Veranstaltungen sowohl geistlicher, kultureller und thematischer Art, Großveranstaltungen oder kleine Workshops, Podiumsdiskussionen, Vorträge, Konzerte zum Mitmachen und Zuhören, Theater, Kabarett und Gottesdienste und Bibelarbeiten und.... Ganz besonders hier gilt: Soviel du brauchst (oder verarbeiten kannst) und nicht: Soviel du schaffst! Trotzdem lohnt es sich, schon vorab Themenschwerpunkte zu setzten, und zu überlegen, welche Veranstaltungen sich mit dem geringsten Zeitverlust für Wege kombinieren lassen. Ich hatte mir vorgenommen 2-3 Podiumsdiskussionen zu verfolgen, mindestens einen Gottesdienst und zwei Konzerte zu besuchen und möglichst 2-3 Kirchen anzusehen. Darüberhinaus wollte ich natürlich auch so viel wie möglich von den Besonderheiten der Stadt auf mich einwirken lassen und über den „Markt der Möglichkeiten“ mit seinen hunderten Ständen von kirchlichen (Hilfs-) Organisationen und Initiativen, dem Büchermarkt, dem Medienzentrum und der Halle der Kirchenmusik schlendern.

All das ist mir gelungen, und so manches Unvorhergesehene kam noch dazu. Die Besuche der Kirchen St. Petri, St. Michael und der Paul-Gerhardt Kirche ließen sich ergänzen durch eine Veranstaltung in der albanischen Moschee. Die Thematik „Interreligiöser Dialog“ fand ich schon immer spannend und sie wurde für mich durch zwei sehr interessante Podiumsdiskussionen mit bis zu 5 Vertretern der großen Weltreligionen belebt. Erstmals wurde mir hier der feine aber entscheidende Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz bewußt.

Doch auch wenn man die eine oder andere Veranstaltung fest einplant, sollte immer Spielraum bleiben für Spontaneität: Einem Impuls folgend verließ ich den Bus zum Messegelände an einer Haltestelle mitten in der Stadt. Im Vorbeifahren hatte ich auf einem Platz mit weißen, Pavillons und den blauen Kirchentagsschildern eine Menschenansammlung gesehen, die sich um einen Tisch gruppiert hatte. Und an diesem Tisch nun saßen Margot Käßmann sowie ca. 10 Jugendliche und einige Erwachsene in eine angeregte Diskussion vertieft. Am meisten überrascht haben mich die Fragen der Jugendlichen, die, wohlformuliert, gut durchdacht und auf ein fundiertes Wissen fußend, an Fr. Käßmann gerichtet waren. Ebenso spannend waren die Antworten, die sie gab. Hier war nichts inszeniert, die Antworten nicht vorgefertigt und deshalb lebensnah und glaubwürdig.

Übrigens: In diesem Jahr habe ich bewußt nicht das Konzert der Wise Guys besucht (auch wenn die Versuchung schon sehr groß war). Ein sehr viel kleineres Open-Air–Konzert mit vier jungen Schwedinnen (A-Capella-Gesang vom Feinsten) schien mir an jenem Abend besser zu dem immerhin etwas warmen Frühlingsabend zu passen.

Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen von diesen 5 erlebnisreichen Tagen. Beim Niederschreiben dieser Zeilen wird mir einmal mehr bewußt, mit welcher Fülle an Iformationen und Eindrücken ich aus der pulsierenden, vielfältigen Kirchentagswelt zurück kehre. Beeindruckend war wieder einmal, wie friedlich und mit welcher Freude und Gelassenheit weit über 100.000 Menschen gemeinsam dieses Fest des gemeinsamen Glaubens feierten. Erstaunlich auch, dass es immer wieder trotz der Menschenmassen zu sehr bewegenden und besinnlichen Momenten kommen kann, dass es Oasen der Stille, und Zeit für lange Gespräche gibt. Nun bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Christen dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, das in Hamburg immer wieder zu spüren war, in ihre Heimatgemeinden tragen und dazu etwas von der Gewissheit, dass es eigentlich genau soviel gäbe wie jeder braucht, solange nicht jeder nimmt, soviel er nur an sich raffen kann.

Der nächste Ev. Kirchentag findet vom 3. – 7. Juni 2015 in Stuttgart statt und ich bin bestimmt wieder dabei!!

Cosima Mora

Bilder von Hamburg:

Bild 1: Segen nach Eröffnungsgottesdienst am Fischmarkt ( Bischof Peter-Henrik Skov Jakobsen, Kopenhagen/Dänemark und Margrit Wegner, Pastorin, Lübeck.)
Bild 2: Orgel vom Hamburger Michel

Bild 3: Hamburger Michel
Bild 4: Kirchentag an den Magellan –Terrassen

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