Der Pfarrberuf

 

     Was macht eigentlich ein Pfarrer? 

     Wie wird man Pfarrer?

     Und warum wird man Pfarrer?

 

 

Von Pfarrer Johannes Schultheiß, der von 2007-2010 als Pfarrer z.A. u.a. für die
Kirchengemeinde Kreuzwertheim tätig war. www.pfarrers.npage.de

 

Was macht ein Pfarrer?

Der Pfarrberuf ist allen Menschen mehr oder weniger bekannt. Aber was macht ein Pfarrer eigentlich außer am Sonntagmorgen Gottesdienste zu halten?

Zunächst müssen natürlich auch die Gottesdienste allein oder im Team vorbereitet werden. Und dann sind Gottesdienste ja nicht nur am Sonntagvormittag. Schließlich gibt es neben dem traditionellen Gottesdienst Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Trauerfeiern, Krabbel-, Kinder-, Jugend-, Familiengottesdienste und, und, und. Nicht zu vergessen Werktagsandachten z.B. in der Advents- oder Passionszeit.

Daneben leitet ein Pfarrer zusammen mit dem Kirchengemeinderat die Kirchengemeinde, zu der Gebäude wie die Kirche, ein Gemeindehaus und u.U. auch Einrichtungen wie Kindergärten gehören. Pfarrer unterrichten Religionslehre in allen möglichen Schultypen. In der Gemeinde bieten sie den Konfi-Kurs zur Vorbereitung auf die Konfirmation oder Glaubenskurse für Erwachsene an. Sie arbeiten in kirchlichen Gruppen von der Krabbelgruppe bis zum Seniorenkreis mit. Sie besuchen Gemeindemitglieder bei fröhlichen (Geburtstag) als auch traurigen Anlässen (Krankenhaus). Zur Information über das Leben der Gemeinde, gibt der Kirchenvorstand ein Informationsmagazin heraus, in dem über das Gemeindeleben informiert wird. In seinem Dienstvertrag hat ein Pfarrer 55 Stunden pro Woche vorgeschrieben. Oft sind es aber mehr.

In vielen seiner Tätigkeiten wird der Pfarrer von ehrenamtlichen Helfern unterstützt. Der Pfarrer ist ein Gemeindemitglied wie jedes andere, das jedoch eine spezielle Ausbildung hat und ein Gehalt erhält, um vollberuflich in der Gemeinde arbeiten zu können.

 
 
Wie wird man Pfarrer?

Von einem Pfarrer wird einiges verlangt: Er sollte gut mit Menschen umgehen können, und zwar möglichst jeden Alters. Er sollte musikalisch sein und einen Sinn für gute Sprache haben. Er muss sich durch Akten wühlen und verantwortungsvoll mit Geld umgehen. Ein Pfarrer sollte also ein Allround-Genie sein. Wie aber wird man zum Pfarrer?

 

Hinweis: Folgende Ausführungen beziehen sich auf die derzeitige Ausbildung von Pfarrern und Pfarrerinnen der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Bayern.

Die Ausbildung zum Pfarrer verläuft in zwei Abschnitten: Theologiestudium und Vikariat.

 
Das Theologiestudium:

Das Theologiestudium ist einer der längsten Universitätsstudiengänge und dauert ca. 6 Jahre. Theologie ist einer der freiesten, d.h. selbstverantwortlichsten, Studiengänge. Theologiestudenten können sich ihr Studium frei organisieren, es gibt keine vorgegebenen Semesterpläne. Deshalb variiert die Studiendauer je nach Fleiß und Lust.

Theologie kann man neben der Universität auch an sogenannten kirchlichen Hochschulen (KiHo) studieren. Die KiHos wurden nach den Erfahrungen im 3. Reich eingerichtet und sollen ein Theologiestudium in Zeiten eines religionsfeindlich gesinnten Staates gewähren.

Grob lässt sich das Studium in drei Etappen einteilen. Am Anfang steht das Grundstudium das etwa vier Semester dauert (ein Jahr hat zwei Semester). Zuerst müssen alte Sprachen gelernt werden, weil Bibelübersetzungen immer etwas vom eigentlichen Sinn verlieren. Althebräisch ist wichtig, um das Alte Testament in seiner Ursprache lesen zu können. Altgriechisch wird für die Übersetzung der ältesten erhaltenen Handschriften des Neuen Testaments benötigt. Latein wird für die Arbeit mit Urkunden aus der Kirchengeschichte benötigt. Althebräisch, Altgriechisch und Latein werden heute nicht mehr gesprochen, deshalb muss nur die Fähigkeit zum Übersetzung von Texten erworben werden und nicht das Sprechen der Sprachen. Neben den Sprachen steht im Grundstudium die Bibelkunde im Vordergrund. V.a. aber soll man sich einen Einblick in die theologischen Fächer, ihren Grundstoff und die wissenschaftlichen Arbeitsmethoden verschaffen: Die Fächern „Neues Testament“, „Altes Testament“, und „Kirchengeschichte“ benötigen keine Erklärung. Die Disziplin „Systematische Theologie“ zerfällt in die zwei Fächer „Dogmatik“ und „Ethik“. Im Teilgebiet Dogmatik geht es um die moderne Glaubenslehre. Themen wie das Wirken Gottes in der Welt oder das Leben nach dem Tod werden mit Hilfe von Stellungnahmen aus der Theologiegeschichte und anderen Wissenschaften reflektiert, um selbst zu einer eigenen Position zu finden. In der Ethik geht es um das menschliche Handeln. Hier werden aktuelle Themen wie die Embryonenforschung oder der Frage nach Sterbehilfe auf Grundlage der christlichen Tradition diskutiert. Im Fach „Praktische Theologie“ werden verschiedene Konzeptionen für die praktischen Dinge des Pfarrberufes wie Gottesdienste, Religionsunterricht oder Seelsorge durchdacht und am Rande auch praktisch ausprobiert. Neben den fünf Hauptfächern gibt es zahlreiche weitere Disziplinen: Philosophie, Religionskunde, Konfessionskunde, Missionswissenschaft, Kirchenrecht oder Archäologie.

Auf das Grundstudium, das mit einer Zwischenprüfung abgeschlossen wird, folgt das Hauptstudium. Während es im Grundstudium darum ging die ganze Breite der Wissenschaft Theologie zu erkunden, geht es jetzt darum einige spezielle Themen in ihrer Tiefe zu erforschen. Gängige Themen sind z.B. das Prophetenbuch Jeremia, die Gleichnisse Jesu, die Entstehung des Mönchtums, die Christologie Karl Barths, die Frage nach sozialer Gerechtigkeit oder die Predigtlehre von Ernst Lange. Solche Themen werden mit Hilfe von Literatur erforscht, in Seminaren diskutiert und in der Vorlesungsfreienzeit in schriftlichen Arbeiten weitergedacht. In den Semesterferien werden zudem Praktika in Gemeinde, Klinik oder der Industrie und Kurse zur Stärkung der kommunikativen, spirituellen oder sozialen Kompetenz angeboten.

Die letzte Phase des Theologiestudiums ist die Examensvorbereitung, und dauert mit dem Examen noch einmal über ein Jahr. In speziellen Universitätskursen, sogenannten Repetitorien, wird der wichtigste Lehrstoff aufgearbeitet und in selbstorganisierten Kleingruppen diskutiert. Zentrale theologische Werke müssen durchgearbeitet und Lernkarten angelegt werden. Einige Monate vor dem Examensbeginn beginnt dann die Paukphase, in der möglichst viel Information im Gehirn gespeichert werden muss.

Das Examen beginnt mit den schriftlichen Prüfungen. Eine Woche lang wird jeden Tag ein anderes Fach geprüft. Vier Stunden hat man Zeit um Themen wie folgendes aus dem Fach Altes Testament zu bearbeiten: „Exegesieren Sie Jer 1,4-9. Schreiben Sie einen Essay über Zeit und Botschaft des Propheten und die Entstehung des Jeremiabuches.“ Drei Monate nach den Klausuren folgen die mündlichen Prüfungen. Innerhalb von 24 Stunden, aber an zwei Tagen, wird Grund- als auch Spezialwissen und methodische Können in allen Hauptfächern von Theologieprofessoren aus ganz Deutschland geprüft. Der dritte Examensteil ist die Examensarbeit. Zu einem vorgegebenen Thema muss innerhalb von sechs Wochen eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben werden. Ein mögliches Arbeitsthema lautet z.B.: „Paulus als Vorbild für seine Gemeinden“. Erst ein Viertel Jahr nach Abgabe der Hausarbeit erfährt der/die Kandidat/in schließlich die endgültige Note. Wenige Monate darauf beginnt das Vikariat.

 
Das Vikariat:

Das Vikariat dauert in Bayern zweieinhalb Jahre und wird wiederum mit einem Examen abgeschlossen. Vikare arbeiten in einer Kirchengemeinde, wo sie sich unter Leitung eines Mentors in die pastorale Praxis einarbeiten. Ein Mentor ist ein Pfarrer, der den Vikar betreut. Nebenbei besuchen Vikare ein sogenanntes Predigerseminar, in dem sie zusammen mit Kollegen in die Arbeit eingewiesen werden und diese reflektieren.

Im Vikariatsexamen werden pastorale Fähigkeiten wie Predigen oder Unterrichten aber auch theoretische Kenntnisse z.B. in Kirchenrecht geprüft. Nach erfolgreich bestandenem 2. Examen wird der Vikar oder die Vikarin einer Gemeinde zugeteilt und erhält den Titel Pfarrer. in den ersten drei Jahren allerdings mit dem Zusatz „z. A.“, d.h. man ist Pfarrer „zur Anstellung“ oder zur Probe. Nach diesen drei Jahren wird der Pfarrer verbeamtet und kann sich jetzt selbst auf eine freie Pfarrstelle bewerben.

 

Und warum wird man Pfarrer?
 
Der Pfarrberuf hat seine Probleme: Die Zahlen der Kirchenmitglieder gehen aufgrund der demographischen Entwicklung in Deutschland zurück. Aber gleichzeitig gibt es ein wachsendes Interesse an Religion in unserer Gesellschaft. Der Pfarrberuf hat seine Härten, weil es oft keine glatte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, Amtsperson und Privatperson gibt. Aber gleichzeitig ermöglicht der Pfarrberuf gerade dadurch ein sachgerechteres und flexibles Arbeiten. Der Pfarrer steht in der Öffentlichkeit unter Sozialkontrolle. Aber gleichzeitig kann man als Pfarrer auch die Öffentlichkeit mitprägen.
Der Pfarrberuf hat seine Vor- und Nachteile. Aber einzigartig macht ihn seine Vielseitigkeit: Der Pfarrer ist Lehrer und Manager, Seelsorger und Theologe, Beamter und Künstler. Kein anderer Beruf umfasst das ganze menschliche Leben: von der Wiege bis zur Bahre. Da wird einem nicht so schnell langweilig. Aber das allein reicht nicht.  Pfarrer fühlen sich "berufen" in der Nachfolge Jesu den menschenfreundlichen Gott zu verkünden. Solch eine Berufung muss man sich so vorstellen, dass man wie von unsichtbaren Mächten immer einen Schritt weiter in den Beruf gelenkt wird. Pfarrer wird man, weil man auf dem Weg ist zu Gott, und andere auf dem Weg mitnehmen will.
 
Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. (Phil 3,12)